Geht uns die Arbeit aus?
Helmut Spudich
Inmitten des deutschen Jammertals war vor kurzem eine interessante Stimme zu hören. Götz Werner, der als Gründer der dm-Drogeriemärkte gezeigt hat dass es alles andere als ein sozialromantischer Träumer ist, sagt: "Wir leben heute in einem Einkaufsparadies unsere Fähigkeit, Güter und Dienstleistungen hervorzubringen, ist größer als die Bedürfnisse der Menschen."
Es stimmt: Anbetracht von über fünf Millionen Arbeitslosen in Deutschland Österreich steht zwar relativ besser da: aber auch unsere Arbeitslosigkeit erreicht Rekordhöhen übersehen wir, dass dies immer noch die reichste Gesellschaft ist, in der wir je lebten. Damit sollen die ganz realen existenziellen Probleme vieler Menschen nicht klein geredet werden. Aber unsere Situation hat zwei paradoxe Pole: Wir haben so viel wie nie zuvor, und immer weniger Menschen können immer mehr Überfluss herstellen. Und gleichzeitig wächst die Diskrepanz zwischen dem reichen Ganzen und verarmenden Individuen.
Die Hilflosigkeit steigt in ganz Europa: Österreich schwingt von Job-Gipfel zu Job-Gipfel, aber mehr als Schulden für vorgezogene Ausgaben für eine Handvoll Arbeitsplätze ist dabei nicht herausgekommen. Mit dem Stichwort "Globalisierung" wird seit Jahren ein Sündenbock gefunden und suggeriert: Alles könnte (wunderbar) anders sein, wenn nur der "Heuschreckenkapitalismus" (die jüngste deutsche Diskussion) nicht immer weiter in das nächste billige Land ziehen würde.
Das erzeugt eine Illusion: Die Arbeit geht uns nicht aus, weil sie nebenan billiger erledigt wird. Arbeitskosten sind in industrialisierten Wirtschaften längst nur noch ein Bruchteil der Gesamtkosten; und auch kleine Betriebe haben gezeigt, dass sie erfolgreich bestimmte Teile ihrer Produktion in Länder mit geringeren Arbeitskosten auslagern können und mit der "Veredelung" im eigenen Land Mehrwert und Beschäftigung schaffen können. Deutschland ist übrigens seit 2004 Exportweltmeister das bedeutet: das Land verdient mehr an der Globalisierung als es verliert; wie auch Österreich, wie reiche Staaten insgesamt. Nein, die Arbeit wird weniger, weil unsere Wirtschaft laufend ihre Effizienz steigert und wir mehr aus weniger machen.
Aber die Rezepte, wie wir mit der höheren Produktivität auch produktiv umgehen können, sind uns ausgegangen. Bis vor zehn, fünfzehn Jahren funktionierte dies grob gesprochen durch einen Mix aus über der Inflation steigenden Löhnen und schrittweiser Arbeitszeitverkürzung ohne Einkommensverlust, womit Arbeitnehmer einen fairen Teil der Produktivitätssteigerung erhielten. Aber mit der 40- und 38,5-Stundenwoche scheint das Ende dieser linearen Form von Arbeitszeitverteilung erreicht zu sein; Frankreich ist schrittweise dabei, seine 35-Stunden-Woche wieder abzuschaffen. Und die Verteilung zwischen Löhnen und Kapitaleinkommen hat sich in den vergangenen Jahren zugunsten der Kapitalerträge verschoben.
Was tun? "Jetzt ist der Moment gekommen, wo wir uns vom Zwang zur Arbeit befreien können", sagt Götz Werner, und er meint es nicht zynisch. Er plädiert dafür Arbeit quasi freiwillig zu machen: Jeder erhält ein Grundeinkommen, von dem er anständig leben kann; wer mehr haben will, der nimmt Arbeit an. Diese Arbeit soll auch nicht besteuert werden; Steuern sollen hingegen auf den Konsum von Gütern und Dienstleistungen eingehoben werden. Wer mehr konsumiert, zahlt mehr Steuern in das Gemeinwohl ein.
Das ist ein radikaler Ansatz für eine Neuorientierung. Aber es lässt sich argumentieren, dass wir ansatzweise bereits jetzt so funktionieren: Es gibt Versatzstücke eines Grundeinkommens, wie Familiengeld, Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Pensionen (auch wenn diese auf einer Versicherungsleistung beruhen). Tatsache ist, dass es derzeit in Österreich 3,7 Millionen Beschäftigte bei acht Millionen Einwohner gibt dass also die Arbeit von weniger als der Hälfte für das Ganze reicht. Und auch wenn Steuern an vielen Stationen eingehoben werden, letztlich sind sie in allen Produkten und Dienstleistungen eingepreist, werden also auch jetzt über den Konsum bezahlt.
Solche Gedanken lassen sich nicht eins zu eins in eine komplizierte, aus vielen Entwicklungen gewachsene Realität umsetzen. Aber wir sollten uns damit anfreunden, dass wir zur Bewältigung der Krise der Arbeit tief greifendere Änderungen brauchen als (wahlweise) "länger/kürzer arbeiten", "Reiche besteuern", "mehr Flexibilität (und weniger Lohn)" oder "mehr Geld für Infrastrukturprojekte". Aber auch der Sozialstaat, der uns trotz aller Schwierigkeiten bis heute gut dient, ist nicht über Nacht vom Himmel gefallen. Für das Nachdenken darüber, wie neue Orientierung zu schaffen ist, könnten wir ein paar Gipfel noch gut brauchen.
(Das Interview mit Götz Werner kann man bei Brand Eins nachlesen.
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