[Thema: 2005 "entdecken" Magazine in Österreich und das deutschsprachige TV die Arbeit des in Salzburg tätigen US-Historikers Timothy Ryback über Hitlers Nachkommen. Der erste Beitrag im deutschen Sprachraum dazu erschien bereits im August 2000.
Erschienen in: Salzburger Nachrichten, 2. August 2000]

Hitlers vergessene Erben

Mehr als 50 Jahre Biografien über den "Führer" haben sich mit Hitlers unmittelbarer Familie und den Nachkommen kaum beschäftigt. Ein Historiker fand sie in New York und Linz.

Helmut Spudich

Selbst für Timothy Ryback, der sich als Historiker wiederholt zur Nazi-Zeit forschte und zuletzt das Buch "Der letzte Überlebende" über die Stadt Dachau geschrieben hatte, kam die Anfrage aus der Redaktion der angesehenen Zeitschrift "New Yorker" überraschend: "Was ist eigentlich mit Hitlers Familie?"

"Hitler hat es geschafft, dass selbst Jahrzehnte nach seinem Tod die Biografien seinem Skript folgen, in dem alle persönlichen Seiten keine Rolle spielen", ist Ryback im SN-Gespräch noch heute verblüfft darüber, wie mehr als 500 Bücher über den Diktator geschrieben werden konnten, ohne sich jemals um seine unmitelbaren Verwandten zu kümmern. "Ich habe absolut keinen Sinn für Familiengeschichte", hatte der "Führer" einst bei einem seiner langen Monologe vor Untergebenen doziert. "Dies ist nicht in meiner Natur. Ich gehöre meinem Volk."

Nach monatelanger Spurensuche dieser von Hitler selbst unterdrückten Familiengeschichte hat Ryback herausgefunden, sich "als Historiker auf dünnem Eis" zu bewegen. Weniger der Fakten wegen, die sich zusammentragen lassen, als aus moralischen Gründen: Da sei auf der einen Seite das "geschichtliche Monster", was hat es da für einen Zweck, diese persönlichen Aspekte zu präsentieren? "Aber wir leisten der Geschichte einen schlechten Dienst, wenn wir ihn nur als die Verkörperung des Bösen sehen. Als Mensch funktionierte er in seinem familiären Umfeld", ist Ryback vom Sinn seiner Nachforschungen überzeugt. "Diese Menschen gehörten zu seinem Leben, und selbst in dem Moment, als alles restlos zusammenbrach und er wenige Minuten vor seinem Tod im Bunker sein Testament diktierte, traf er darin Vorkehrungen für seine Geschwister".

Rybacks Nachforschungen begannen nur etwas mehr als eine Auto-Viertelstunde vom Salzburg Seminar in Schloss Leopoldskron entfernt, das der 46-jährige Harvard-Historiker seit 1996 leitet: In Berchtesgaden, wo Hitler nach eigenen Aufzeichnungen am Obersalzberg "die schönsten Zeiten seines Lebens" verbrachte. Um keine Wahlfahrtsstätte für Nazis aufkommen zu lassen, haben die Alliierten den Obersalzberg nach dem Krieg gesprengt. Nur noch die von Bäumen mit eingeschnitzten Naziparolen überwucherten Ruinen erinnern an dem Ort, den der Historiker für "eines der bedeutendsten Stücke Land am europäischen Kontinent" hält: "Hier hat er alle seine Ideen geboren, vom Angriff auf Polen bis zum Holocaust".

Hier empfing Hitler nicht nur Neville Chamberlain, Mussolini oder den Herzog von Windsor und seine amerikanische Frau Wallis Simpson, hierher ließ Hitler auch seine Schwester Paula aus Wien nachkommen um ihn während einer zweiwöchigen Grippe zu pflegen. Seine Halbschwester Angela Raubal führte ihm fast acht Jahre lang den Haushalt. 1936 kam, als ungebetener Gast, auch sein Neffe William Patrick, der Sohn von Adolfs älterem Halbbruder Alois. "Ich kam mit Freunden hierher und wurde in den Garten gebeten", gab "Willie" der Illustrieren "Look" 1939 zum besten. "Hitler unterhielt sich mit einigen sehr schönen Frauen beim Tee, Als er uns sah, spazierte er herbei und schlug dabei mit einer Peitscche einigen Blumen die Blüten ab."

Der 1910 in London geborene Willie, von seiner englischen Mutter Pat genannt, versuchte aus seiner Verwandtschaft mit dem aufstrebenden Diktator in den 20er und 30er Jahren wohl das aus seiner Sicht am besten zu machen -- Geld. Sein Vater Alois hatte Frau und Sohn zu Beginn des ersten Weltkriegs in England zurückgelassen; nachdem sie ihn für Tot gehalten hatten, entdeckten sie ihn ein zweites Mal verheiratet in Hamburg in den 20er Jahren wieder. 1929 besuchte Willie den Vater in Berlin und sammelte Geschichten über seine Verwandtschaft, die er nach seiner Rückkehr nach England bei der englischen Presse vermarktete. Als Adolf Hitler davon hörte, beorderte er Willie und seine Halbgeschwister Alois und Angela nach Berlin. "Ich bin von Idioten umgeben", soll er dem Bericht von Willies Mutter Brigid zufolge einen Tobsuchtsanfall bekommen und gedroht haben, sich zu erschießen, wenn die Familie weiterhin öffentlich über ihn reden würden. Danach habe er Willie 2000 Pfund gegeben und ihm aufgefordert, seine Aussagen zu widerrufen -- was Willie auch tat.

Nach dem Selbstmord von Hitlers Nichte Geli in seiner Münchner Wohnung, 1931, gab Willie erneut Interviews und wurde erneut nach Berlin beordert, wo er versucht haben soll seinen Onkel zu erpressen. Um Willies lange Geschichte kurz zu machen: Im Herbst 1933 wurde er in der Reichskanzlei vorstellig und erklärte, mit seinem Namen in England nicht mehr arbeiten zu können. Rudolf Hess besorgte ihm im Auftrag des "Führers" eine Stellung bei Opel und Willie machte zwar keine berufliche, dafür aber soziale Karriere in Berlin, wo Vater Alois nur vier Häuserblocks von der Reichskanzlei entfernt ein Kaffeehaus namens "Alois" betrieb. Fünf Monate vor Beginn des 2. Weltkriegs, im März 1939, setzte sich Willie in die USA ab, wo er einige Jahre von Vorträgen lebte, ehe es in den USA wohl eher unpopulär wurde, ein enger Verwandter des "Führers" zu sein.

Willie meldete sich freiwillig zur Stellung, wurde zwar als tauglich befunden, aber aus politischen Gründen abgelehnt. Der Hitler-Neffe intervenierte bei Präsident Roosevelt, nach einer langjährigen Prüfung durch den FBI wurde er schließlich 1944 vor laufender Wochenschau-Kamera in die Navy aufgenommen. Dann wurde es still um den Neffen: Nach seiner Abrüstung 1946 versuchte er aus der Öffentlichkeit zu verschwinden; wie sein Vater Alois, der den Krieg überlebt hatte, änderte er seinen Namen in "Hiller" und hatte vier Söhne, von denen einer bei einem Autounfall ums Leben kam. Willies Mutter starb 1969, er selbst 1987 im Alter von 76, seine Witwe lebt noch.

Drei dieser Söhne, Großneffen Adolf Hitlers, konnte Ryback schließlich auftreiben -- in Long Island bei New York, wo sie in einer unauffälligen Mittelschicht-Nachbarschaft leben. Aber die Familie, die ihren Namen noch ein zweites Mal geändert hatte um unerkannt zu bleiben, behält ihr dunkles Geheimnis eng für sich, berichtet Ryback: Nach wochenlangen Versuchen, telefonisch oder brieflich in Kontakt zu treten, läutete Ryback schließlich im Frühjahr diesen Jahres an der Haustür eines der Großneffen. Der Mann, der öffnete, erklärte nur nach Rücksprache mit den anderen Familienmitgliedern sprechen zu können. Einige Zeit darauf meldete sich hingegen der Familienanwalt und erklärte, die Familie wolle keine Interviews geben: "Sie haben Angst, als Pariahs isoliert zu werden oder durch einen Verrückten in Gefahr zu geraten. Schließlich ist das nur eine Laune des Schicksals, in diese Familie geboren zu werden. Wenn sie dies öffentlich machen, was haben sie danach für ein Leben?"

Diese Sorge scheint die weitläufigere Verwandtschaft Hitlers, die in Österreich in Linz und im Waldviertel lebt, nicht zu teilen. Sie versuchen dort anzuknüpfen, wo Adolfs Schwester Paula mit ihrem Tod 1960 aufhörte: Beim Nachlass des "Führers". Schon Paula, die nach dem Krieg in Berchtesgaden lebte, versuchte das Erbe ihres Bruders anzutreten, allein ohne Erfolg. Die Gerichte weigerten sich zunächst, die Verlassenschaft überhaupt zu eröffnen, da der Tod Hitlers nicht festtünde; erst im Oktober 1956 wurde Hitler von einem Berchtesgadener Gericht amtlich für tot erklärt, fand Ryback heraus.

Der hiesige Zweig der Familie, Nachkommen von Adolfs Halbschwester Angela Raubal, sammelte sich um den Historiker Werner Maser, der sich im Namen der Verwandten als "Verwalter des Hitler Nachlasses" -- ohne rechtliche Konsequenzen -- ausgibt. Maser hatte schon in den 70er Jahren Aufsehen errregt, als er einen Franzosen namens Jean-Marie Loret als Hitlers illegitimes Kind aus dem 1. Weltkrieg entdeckt haben wollte. Loret starb 1985, ohne dass es schlüssige Beweise für Masers Behauptungen hab. Einzig eine genetische Untersuchung könnte die Frage entscheiden, sagt Ryback, wofür es in Berchtesgarden Haare Hitlers gebe, die sein Friseur aufgehoben haben will.

Kernpunkt der Auseinandersetzungen, die zunächst Angelas Sohn und Hitlers Lieblings-Neffe Leo Raubal (ein Direktor der VOEST, der früheren Herman-Göring-Werke) als Sprecher der Familie zusammen mit Maser  führte, sind die Urheberrechte von "Mein Kampf": Immerhin einer der "Bestseller" der 20er und 30er Jahre, ehe es als Bibel des "Dritten Reichs" verschenkt wurde. Diese Urheberrechte, von der Familie mit mehreren Millionen Mark beziffert, werden vom Bayrischen Staat verwaltet. In erster Linie mit dem Ziel, eine Publikation zu verhindern, obwohl sich den Text "jeder aus dem Internet besorgen kann", wie Ryback bemerkt. Eine englische Ausgabe besteht aufgrund des Verkaufs der englischen Copyrights an Random House im Jahr 1933.

Der Bayrische Staat wiederum beruft sich auf die Beschlagnahme von Vermögen führender Nazis aufgrund einer Verordnung aus dem Jahr 1948. Aber  immerhin hat die Familie schon in den 60er Jahren an Hitler mit der Veröffentlichung des "Zweiten Buches" verdient, ein Hitler-Manuskript, das als Fortsetzung von "Mein Kampf" geschrieben wurde aber im "Dritten Reich" nicht mehr zur Publikation gelang. 1500 Mark soll damals nach Angaben Masers an die Nachkommen bezahlt worden sein.

Heute ist Anton Schmidt, ein angeheiratetes Familienmitglied der Raubal-Linie, in die Fussstapfen des 1979 verstorbenen Leo Raubals als "Familiensprecher" getreten, und er sieht wenn schon nicht das Recht so doch die Moral auf eine makabere Art auf seiner Seite: Nachdem die Opfer des Holocaust und der Zwangsarbeit entschädigt worden seien, sei nun die Zeit gekommen, auch Hitlers Familie zu entschädigen.


[ © 2000 Salzburger Nachrichten, Helmut Spudich ]