[Thema: Im Schatten des China-Booms werden die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die Australien für österreichische Betriebe zu bieten hat, kaum wahrgenommen. Dabei ist es das Land mit dem größten heimischen Exportüberschuss.
Erschienen in: Der Standard, 2. November 2005]

Chancen für Ösis bei Aussies

Australien ist das Land mit dem größten heimischen Exportüberschuss



Helmut Spudich

Sydney - Eigentlich könnte man sagen, dass Österreicher eine intime Beziehung zu Australien haben – das Land, mit dem sie international eine permanente Verwechslung verbindet und von dem sie nur zwei Buchstaben trennen.

Surfen, Buschbrände, eine Olympiamedaillengewinnerin, die aus Liebe auf zwei Buchstaben verzichtete und dafür Gold nach Österreich brachte - "privat finden viele Österreicher Australien sexy, aber geschäftlich sieht man das Land und seine Möglichkeiten nicht", sagt Roman Rauch, Handelsdelegierter Österreichs in Sydney. "Bei uns sieht man vor allem die Chancen, die China und die Erweiterungsländer bieten, das deckt alles zu."

Zu Unrecht. Denn obwohl der Handel mit Australien nur Platz 25 der heimischen Außenhandelsstatistik belegt, ist es das Land mit dem größten Exportüberschuss: Fast zehnmal so viel exportiert Österreich nach Australien als umgekehrt – bei starkem Wachstum. "Das ist weltweit der größte Überschuss", sagt Rauch im Gespräch mit dem STANDARD.

Es sind vor allem traditionelle technische Güter, mit denen Österreich "down under" punktet – ein Land, das mit einem Dienstleistungssektor von beinahe 70 Prozent zunehmend dabei ist, eigene Industrieproduktion an andere abzutreten und sich auf Finanz- und Dienstleistungen zu konzentrieren. Halbfertigerzeugnisse, traditionelle Stärke heimischer Betriebe, können die Lücke füllen, die eine "schwache und schwächer werdende australische Industrie" (Rauch) hinterlässt.

Zu den Firmen, die in Australien vertreten sind, zählt seit vielen Jahren Böhler-Uddeholm mit einer eigenen Niederlassung, ebenso wie die OMV, einer der Hauptlieferanten von Erdgas. "Aber es sind weniger die großen Industriebetriebe als die Mittelständler, die hier aktiv sind" – Erzeuger von Spezialpapieren, Bahnschienen und Weichen, Autos vom Jeep Cherokee bis zu BMW X3, Silhouette-Brillen. Die australische Polizei ist fast gänzlich mit Glock-Pistolen ausgerüstet, das Steyr-Sturmgewehr ist Standard bei der australischen Armee.

Rex-Kult "down under"

Zwar gibt es Red Bull auch noch im entlegensten Roadhouse im australischen Outback, Swarovski-Glitzersteine in den Luxusläden der Metropolen, und Kommissar Rex ist hier zur Kultserie avanciert. Aber bei Konsumgütern habe Österreich Schwächen, sagt Rauch.

Dabei ist Australien das "drittgrößte Land nach Passösterreichern" - vor allem in den Jahren von 1955 bis Ende der 60er-Jahre gab es eine substanzielle Auswanderungsbewegung und rund 40.000 Auswanderer. "Trotzdem ist Australien kein Heimmarkt für Lebensmittel oder Wein oder Bier", sieht Rauch ungenutzte Nischen. Dabei werden österreichische Weine – zuletzt vor allem trockene Rieslinge – als Trendsetter von der großen australischen Weinindustrie wahrgenommen.

"Es liegt oft gar nicht an den Produkten, sondern an der Bereitschaft einer Firma, hier strategisch tätig zu werden", erklärt Rauch. "Eine Homepage reicht da nicht, aber wenn jemand 21 Stunden herfliegt, dann weiß man, dass es die Leute ernst nehmen."

Was leicht fallen sollte: Immerhin bedient die AUA mit neun wöchentlichen Verbindungen als einzige kontinentaleuropäische Linie den roten Kontinent - für 15 Flüge gibt es bereits Genehmigungen.


[ © 2005 Der Standard, Helmut Spudich ]