
Den Basiswapplern ihr ProfessorFür die österreichische Seele ist Van der Bellen grüner Balsam: Eine Respektsperson, die Sozialstaat und Neutralität mit einem Schuss liberaler Subversivität garniert und raucht, statt Öko zu predigen.Helmut SpudichWas waren das für Zeiten, als sich "Grüne streiten" in fast jeder Schlagzeile reimte. In der gut sichtbaren Austragung interner Kämpfe konnten die Grünen selbst der ÖVP noch eine Lektion erteilen. Aus und vorbei: eine brave Schülerschar, die unter wohlwollender Aufsicht von Klassenvorstand Prof. Alexander Van der Bellen allenfalls um bessere Ideen rittert, aber der Kritik an ihrem g'schamig "Bundessprecher" genannten Chef so fremd ist wie Klosterschülerinnen unanständige Witze. "Sascha", wie der heute 55-jährige grüne Professor mit Hang zu englischem Tweed von Parteifreunden genannt wird, hat Ruhe und Ordnung in den Haufen gebracht. Wie sollte es auch anders sein bei einem Mann, dessen professorale Aura auch im lautesten Parteitag standhält; der sich nicht verhabert; zuhört und fragt, statt Linie vorzugeben; nachdenkt statt Parteislogans abzusondern; dessen Blutdruck bei Ärger "erst einmal in den Keller geht", eher er eine wohlargumentierte Replik vom Stapel lässt. Für die Grünen war jedenfalls Van der Bellen ein ausgesprochener Glücksgriff - oder vielleicht auch das Ergebnis langjähriger Personalpolitik von Ex-Sprecher Peter Pilz. Dieser brachte, was beide bestätigen, den Professor für Finanzwissenschaften 1993 als Spätberufenen in die Politik, mit einem Anruf: "Es kann sein, dass du in der Zeitung als potenzieller Nationalratskandidat gehandelt wirst." Van der Bellen war amüsiert, las die "Gerüchte", ging auf Urlaub nach Tirol, dementierte nicht und stellte sich nach den Ferien tatsächlich dem grünen Parteitag in langer Kampfabstimmung zur Wahl. Dann war die politische Karriere fast so schnell aus wie sie begonnen hatte. Das erste Ergebnis der unerwarteten Nationalratswahl 1995 hatte Van der Bellen um sein Mandat gebracht; beim Endergebnis war es wieder da. Bald war er als Experte, aber auch als ruhender Pol und Integrationsfigur des nach 1995 schwer angeschlagenen Klubs unentbehrlich. Als Christoph Chorherr (den Pilz in die Kommunalpolitik brachte) als Bundessprecher Ende 1997 das Handtuch warf, schlug er Van der Bellen als Nachfolger vor. Die Partei griff diesmal schneller zu als 1993. So selbstverständlich wie dies heute aussieht war die Wahl nicht: Immerhin war "der Professor" stets kritischer EU-Befürworter und als "Neo-Liberaler" gebrandmarkt. Tatsächlich setzt er als Ökonom auf den freien Markt - und auf den Staat, wo der freie Markt seiner Ansicht nach versagt. Seine politische Sozialisation fand als Hochschulassistent 1968 statt. In vielen Positionen ist der sozialliberale Bürger erkennbar, der mit Bruno Kreisky ein Stück des Weges ging und sogar einige Jahre SPÖ-Mitglied war, bis er mangels Zahlung wieder ausgeschieden wurde. "Grün" oder gar "Öko" ist Van der Bellen nur in einem sehr traditionellen Sinn, wenn die Familie (früh geheiratet, zwei erwachsene Söhne) beim Wandern streng darauf achtet, ihre Zigarettenstummeln in leeren Packungen mitzunehmen statt sie im Wald oder auf der Wiese wegzuwerfen. Auf die Frage, was er 1978 (Zwentendorf) und 1983 (Hainburger Au) machte, muss er schon länger nachdenken, ehe er die richtigen Antworten findet ("meine Erinnerung nach habe ich unterschrieben", und "ich habe das mit Sympathie mitverfolgt, aber ich war nie draußen"). Aber in einer Partei, in der unterschiedlichsten Strömungen und Personen ihr Lager gefunden haben, ist ideologischer Adel zweitrangig. Dafür erleben die Grünen etwas Neues: Geschlossenheit. Bei der EU-Wahl trug ihnen das ein für grüne Verhältnisse sensationelles Ergebnis über neun Prozent ein, Umfragen geben ihnen gute Aussichten auf sechs oder mehr Prozent. Wie macht das der Van der Bellen? Er hört zu, denkt nach, raucht und argumentiert. Und er würzt mit einem ordentlichen Schuss Subversivität, wie seine inzwischen wohlbekannte Liebe zu Donald Duck & Co. bezeugt. Wenn er's nur aushält, der Herr Professor. |
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[ © 1999 Salzburger Nachrichten, Helmut Spudich ]
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